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Als
ich vor mehr als 20 Jahren begann, von den Zeichnungen von
Francis Bacon zu sprechen (meine Intuition hatte einen eher
elemanteren Grund: er schenkte sie mir), fragten sich nicht
wenige, ob ich in Sachen Trunkenheit nicht schon den anglo-irischen
Meister ubertraf. Nun, da die Tate Gallery triumphierend
verkiindet, die freigiebige Schenkung von 1200 Zeichnungen
von Bacon erhalten zu haben, die seinem Hausnachbarn Barry
Joule gehòrten (wobei es sich in Wirklichkeit gròBtenteils
um iiberzeichnete Fotos oder um Bucherseiten, die mit einigen
Arabesken verzieri sind, handelt), hat die Weisheit der
Zeit vielleicht, wie iiblich, gezeigt, dafi ich doch nicht
vom Alkoholdelirium erfaBt war oder zweifelhafter Bòswilligkeit.
Um
eine Geschichte zu erzahlen, kann man die Bibel heranziehen
oder den Geist einer schlagfertigen Bemerkung.
Meine Geschichte lafìt sich folgendermafien gekùrzt
wiedergeben (die nicht einmal in dem hervorragenden Buch
von Giorgio Soavi skizziert werden konnte): Im Jahr 1976,
als ich Bacon auf dem Abschiedsfest von Balthus in der Villa
Medici kennenlernte, fragte er mich, ob ich mit ihm in London
leben wolle. Ich antwortete ihm, daB ich in sein Genie verliebt
sei, aber nicht bis zu dem Punkt, ein Radchen in seinem
Mechanismus zu werden.
Und
dafi mein Beruf der eines sei, nicht der eines Ausgehaltenen.
Ich bin denen,
die an meine Stelle getreten sind, dankbar - die verschiedenen
John Edwards, Barry Joule, der beruhmte Spanish-Lover (von
dem kein einziges Foto , ausgenommen eines in meinem Besitz,
das ich spater zeigen werde, existiert, kein Wort, kein
biographisches Element, das ihn an der Seite Bacons aufscheinen
làBt: was zeigt, wie gut Francis es schaffte, das
unsichtbar zu machen, was er verheimlichen wollte...), aber,
bei allem Respekt, es handelt sich dabei im Falle von J.
Edwards um einen jungen hinreiBenden Wirt, der Analphabet
war und an integraler Dyslexie
litt, weshalb es ihm fast unmòglich war, zu lesen
und zu schreiben, und im Fall von Barry Joule um einen Tausendsassa,
dessen hòchste kulturelle Leistung es war, Chauffeur
vom Tanzer Nurejev gewesen zu sein, und im Fall vom spanischen
Verlobten um einen Heuchler, der - wie es die Madrider Tagezeiten
von damals dokumentieren - nicht eine halbe Minute daran
verschwenden wollte, ihm beizustehen, als Bacon ihn, schon
in schlechtem Gesundheitszustand, anlàfilich seiner
Ausstellung in Madrid besuchte. Er verstarb ja einige Tage
spater - verlassen wie ein Hund. Pablo, der sehr reich und
sehr schon war, hatte zwar seine Motive fur seine Ablehnung
Francis gegeniiber, aber das ist ein anderes Kapitel.
Mit
Sentimentalem werde ich den Leser nicht langweilen, aber
mit Francis lernte ich zwischen IRA, Dubliners Fighting
und Irish Volunteers zu unterscheiden ( er war vom Terorrismus
besessen). Als M. Thatcher ihn als ,,schrecklicher als seine
eigenen schrecklichen Bilder bezeichnete, war ich
der einzige, der ihm beistand, wobei ich ihn daruber informierte,
dafi er wegen Betrugs am Staat unter Verdacht stand. Ja,
es ist wahr, er betrank sich und er verliebte sich sogar
in Diebe (siehe G. Dyer), aber das was ihn begeisterte,
war der Abgrund, von dem aus er die Serial-Killer, die Mafiosi,
die blutrunstigen Attentater gekrònt sehen konnte.
Ich
habe ihn interviewt und war von Zeit zu Zeit sein Freund.
Was ihn sehr ergòtzte, unter anderem, war, daB ich
ihm alles erzahlte, aber sicher nicht bagatellisierte. Um
nicht von den Festen in venezianischen Renaissance-Palàsten
zu sprechen, zu denen ich ihn mitbrachte, wie jenes der
Malerin Contessa Orietta Rangoni Macchiavelli. Er war unentschlossèn^oS
er ihre erhabenen Tintoretto oder ihren erhabenen Fragolino
(Wein) mehr schatzen solite.
Es war kein Zufall, daB er diejenigen besturzte, die die
italienische Malerei in die Hòhe erhoben, indem er
scheinheilig verkùndete: Morandi, Burri?Wird schon
so sein, aber sicher sind sie weniger wichtig als Orietta
Rangoni."
In
Wirklichkeit hielt er nur Leonardo Cremonini seines eigenen
Genies in Italien fììr wurdig, den er seit
den gemeinsamen Ausstellungszeiten in der Gallerie von Erica
Brausen kannte. Auf seiner Vespa lieB er sich, kein Zufall,
quer durch Rom fahren als er das erste Mal nach Italien
kam und ihn besuchte er in Sizilien, wieder kein Zufall,
kurz bevor er starb.
Wenn ich mit dir gelebt hatte, abgesehen von deiner schrecklichen
Vorliebe fur Frauen, dann hatte ich meine Sixtinische Kapelle
gemalt, inmitten ali dieser dummen Leute, mit denen ich
hier in London in Kontakt bin."
Wenn ich zu einem kulturellen Verbrechen beigetragen habe,
durch die Hunderte von Zeichnungen, zu denen ich ihn inspiriert
habe, so glaube ich, habe ich mich teilweise gebessert.
Zeichnungen, die bisweilen besser waren als seine Bilder
- gerade weil er mit seinen Originalen auf Leinwand nicht
ganz so zufrieden war ( das ist zum Beispiel, bekannterweise
, bei den Kreuzigungen und bei den Papsten der Fall). Dem
(damaligen) formalen System der englischen Authentizifierungen
nicht geschmeichelt zu haben, hat zu MiBtrauen und Bestiirzung
gefuhrt,das verstehe ich, aber wenn man die lacherlichen
Kritzeleien betrachtet, die ihm heute zugeschrieben werden,
wird man verstehen, dafì ich diesem System nie getraut
habe.
Abgesehen vom ... Marlborough, der von mir sagte, wobei
er mich jedoch bezeichnenderweise nie anzeigte-: ,,Signor
Ravarino ist ein armer Verruckter. Bacon hat in seinem Leben
keine einzige Zeichnung gemacht." Nur in seinem Studio
fanden sich ...
neunzig. (Einige davon genial, andere hingefetzt.)
Sein Besitzer F. Lloyd muBte auf die Bahamas fliehen, um
nicht im Gefangnis zu landen, Valerie Beston ist nach Frankreich
geflohen und schiitzte Alterssenilitat vor (bevor sie es
wirklich wurde) und Estate ( Name oder Jahreszeit Sommer)
Bacon hat sie vor Gericht gebracht und beschuldigt, ihn
betrogen, ausgeraubt, erpresst zu haben.
Es
kam dann zu einem Unentschieden, aber es zeigt von der Reinheit
jener, die iiber meine Geschichte skeptisch waren.
Wie man weiB, haben andere Schakale, andere Wurmer versucht,
sich in die Geschichte zu verbeiBen, aber ich ziehe es vor,
mich nur die schone Seite zu erinnern.
- Das bedeutende Burlington Magazin hat in seiner lOOjahrigen
Ausgabe den Corpus meiner Bilder mit absoluter Uneigenniitzigkeit
anerkannt.
(Margerita Cappock hat den einzigartigen Beitrag geschrieben,
sie hat auch sein Studio in Dublin rekonstruiert) - Sir
Nicholas Serota, Direktor der Tate Gallery, sendete mir
ein sehr freundliches Antwortschreiben auf meine Anfrage
beziiglich der Echtheit von zweien meiner Originale. Er
ist am Englischen Institut verantwortlich fur die Kontrolle
von Kunstwerken.
- Marlene Dumas, in etwa eine weibliche Francis Bacon, erklarte
in einem Fernsehinter-view glucklich und erschiittert: ,,Sie
sind noch viel schòner als die Bilder seiner letzten
Periode."
- Der_Sanasler-Vittorio Olcese erklarte mit leuchtendem
Bedauem: Wie schade, daB echt sind. Wenn sie gefalscht
waren, hatten wir ein noch groBeres Genie als Bacon"
- Giorgio Soavi hingegen wartete mit einem seiner iiblichen
Understatement auf, darin ist er ein wahres Genie. Nachdem
er die Bilder fast eine halbe Stunde in absoluter £-
Stille betrachtet hatte, fragte er mich: «Entschuldigen
Sie, haben Sie einen Hammer?" ^ Verbliifft. ,,Mit dem
kann ich ihm ??wem? auf den Kopf schlagen. Ich werde nie
genug Geld haben, sie alle zu kaufen."
Der
Direktor des Museums des Vatikans, Francesco Buranelli,
war geriihrt und und sehr interessiert, als er die Bilder
neben der Sixtinischen Kapelle ansah. Der beriìhmte
englische Regisseur Peter Greenway war voller saturnisch-gieriger
N Neugier und wollte um jeden Preis von mir wissen, pb es
fur Bacon leidenschaftlicher war, stranguliert oder mit
dem Messer gestochen zu werden (ich nehme an, er wollte
einen Film daruber planen).
Meister Leonardo Cremini, den Bacon als einziges ihm ebenburtiges
Genie betrachtete sah die Bilder in seiner wunderschònen
Renaissancevilla in
der Nahe von Florenz. Er betrachtete sie mit einer Intensitàt,
daB es schien, als wiirden die Bilder unter seinem Blick
zu brennen beginnen. Seine verbluffte Unglàubigkeit
verwandelte sich langsam in verbluffte Bewunderung und er
stiirzte sich auf die Bilder, um sie zu umarmen, was mich
sehr beruhrte und beeindruckte. ,,Ich habe sie schon geme"
hauchte er mit gebrochener Stimine und dann umarmte er sie
- eine Geste, zu der kein schrecklicher Gallerist dieser
Welt fahig ist - so, als ob sie lebendige Kreaturen waren,
was sie ja vielleicht effektiv auch sind.
Was
dazu die Bacon-Experten und die betitelten Kunsthistoriker
Gutes zu sagen haben, daruber werde ich in einer zukunftigen
Ausgabe sprechen, weil das elende Meer der Welt der Kunst
voller ,,Wurmer" ist, die davon ublen Gebrauch machen
wurden.
Vor so vielen Jahren nun ist der arme Francis in Madrid
gestorben, ohne irgend jemanden, der ihn auch nur ein bisschen
Trost schenkte, ich mit gerechnet. Er hatte mich vom Krankenhaus
aus angerufen (wie mir das Pflegepersonal mitteilte, war
es der einzige Anruf). Aber ich bin nicht zu ihm gefahren,
weil es mir zu anstrengend war, zweimal Flugzeug zu wechseln,
um zu ihm zu kommen eine Faulheit, iiber die ich
mich jede Sekunde fur den Rest meines Lebens schamen werde.
Als ich das Pflegepersonal danach fragte, sagten sie mir,
er habe eìnen einzigen Schrei ausgestofien, der so
schrecklich war, daB er ihm das Kiefer ausrenkte.
Nichts war so entfernt von seinen Bildern wie sein Leben.
Mit seinem Tod hat er vielleicht das Erschreckendste gemalt,
ohne es zu wollen.
Ubensetzt
von Karin Eva Hofbauer de Wit.
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